COVID-19 Blog Teil 14: Auswirkungen auf die Ermittlung erwarteter Kreditverluste gem. IFRS 9 für Industrieunternehmen

05/05/20

Aufgrund der Corona-Krise sehen sich aktuell Unternehmen aller Branchen erhöhtem Druck auf das Working Capital und einem möglichen Anstieg des Ausfallrisikos ihrer Forderungen ausgesetzt. In dieser Situation stellt die Schätzung erwarteter Kreditverluste („ECL“) eine Herausforderung dar und es kann derzeit möglicherweise schwierig sein, die spezifischen Auswirkungen der Corona-Pandemie sowie staatlicher Unterstützungsmaßnahmen auf einer angemessenen und belastbaren („reasonable and supportable“) Basis zu berücksichtigen. Das IASB führt jedoch in einem kurzen Dokument zu Fragen der Anwendung des IFRS 9, welches im März iZm der Corona-Krise veröffentlicht wurde, klar aus, dass Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen in den von den Unternehmen verwendeten makroökonomischen Szenarien und deren Gewichtung zu berücksichtigen sind. 

Die folgenden Aspekte sind in dieser Hinsicht bei der ECL-Ermittlung zu berücksichtigen:

  • „Reasonable and supportable information“: Hierbei stellt sich die Frage, ob alle verfügbaren angemessenen und belastbaren Informationen über die Auswirkung von COVID-19 verwendet wurden. Dies kann externe Prognosen makroökonomischer Daten und interne historische sowie aktuelle Daten umfassen.

  • “Forward looking information”: Die Auswirkungen von COVID-19 in den zukunftsgerichteten makroökonomischen Szenarien sind angemessen zu berücksichtigen. Bei der Beurteilung des Ausfallrisikos für die Bilanzposten und der ECL-Bemessung müssen nach wie vor zukunftsgerichtete Informationen (einschließlich makroökonomischer Informationen) berücksichtigt werden. Dabei könnten zukunftsgerichtete Informationen ein oder mehrere Downside-Szenarien im Zusammenhang mit der Verbreitung des Coronavirus beinhalten.

  • Gruppierung finanzieller Vermögenswerte: Zur Segmentierung ist es wichtig, zunächst  die Treiber des Ausfallsrisikos für die zugrunde liegenden Forderungen zu verstehen, wie sich diese angesichts der aktuellen Pandemie verändert haben könnten. Die Einteilung kann in einigen Fällen bis auf die Ebene des einzelnen Kunden gehen. Wenn bspw. ein bestimmter Kunde bekanntermaßen in finanziellen Schwierigkeiten ist, kann im Vergleich zu historischen Durchschnittswerten über alle Alterungskategorien der Wertberichtigungsmatrix eine höhere Wertberichtigung erforderlich sein. Eine Doppelzählung von Verlusten ist in dieser Situation zu prüfen und zu vermeiden. 

  • Kreditversicherungen und Finanzgarantien: Bei der ECL-Bestimmung dürfen nur jene Kreditversicherungen sowie Finanzgarantien berücksichtigt werden, die integraler Bestandteil des finanziellen Vermögenswerts sind. Diese Kreditversicherungen sowie Finanzgarantien können allerdings nur das Verlustrisiko, nicht jedoch die Ausfallwahrscheinlichkeit verringern. Zudem ist ebenfalls zu berücksichtigen, ob die Partei, die die Versicherung oder Garantie stellt, wahrscheinlich in der Lage sein wird, ihren Verpflichtungen nachzukommen, wenn sie in Anspruch genommen wird.   

  • Identifizierung signifikanter Erhöhungen des Ausfallrisikos (SICR): Wenn Unternehmen den vereinfachten Ansatz nicht anwenden dürfen oder sich dafür entschieden haben, dies nicht zu tun, können zusätzliche Informationen erforderlich sein, um festzustellen, ob eine signifikante Erhöhung des Ausfallrisikos eingetreten ist und daher eine Risikovorsorgen i.H.d. Lifetime-ECL anstatt des 12-Monats-ECL erforderlich ist.  

  • Auswirkungen staatlicher Unterstützungen: In dieser Hinsicht wird es kaum einen „One Size Fits All“-Ansatz geben und im Einzelfall sind die Auswirkungen staatlicher Unterstützungen im Hinblick auf ihre Einbeziehung in die Überlegungen zur Wahrscheinlichkeit von Zahlungsverzögerungen oder -ausfällen sorgfältig abzuwägen. 

  • Verwendung von mehreren Szenarien: IFRS 9 verlangt von den Unternehmen bei der ECL- Ermittlung immer die Berücksichtigung mehrerer Szenarien. In der Praxis haben dies einige Unternehmen ggf. nicht getan, da es in einem günstigen wirtschaftlichen Umfeld keinen wesentlichen Unterschied für das Ergebnis gemacht hätte. Diese Annahme dürfte, insbesondere für Unternehmen mit längerfristigen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und Vertragsvermögenswerten nicht mehr angemessen sein. Dabei sind Kernszenarien, die von einer sehr geringen Ausfallwahrscheinlichkeit ausgehen, schwer zu begründen. 

  • „Stand-back test“: Es ist wichtig sicherzustellen, dass der ECL einen unverzerrten und wahrscheinlichkeitsgewichteten Betrag widerspiegelt, der durch Auswertung einer Bandbreite möglicher Ergebnisse ermittelt wird. Eine unverzerrte Schätzung ist eine Schätzung, die weder übermäßig optimistisch noch übermäßig pessimistisch ist. Sowie es nicht möglich ist, die Auswirkungen der Coronakrise in den ECL Modellen zu widerzuspiegeln, sind Post-Model-Adjustments in Betracht zu ziehen. Änderungen der Sachverhalte und der Rahmenbedingungen sollten weiterhin genau verfolgt werden, um neue Informationen, die für die Beurteilung der Bedingungen zum Abschlussstichtag relevant sind, zu identifizieren.

  • Disclosures: Aufgrund der bestehenden Unsicherheiten bei der Bemessung der erwarteten Kreditverluste, kommt den Angaben im Rahmen der Berichterstattung zu den erwarteten Kreditverlusten eine gesteigerte Rolle zu. Zum einen sind die bedeutsamen Schätzungen, die bei der ECL-Bestimmung verwendet werden, klar zu identifizieren und zu erklären. Zum anderen sollten die Angaben Einflussgrößen widerspiegeln, die spezifisch für das Unternehmen sind, und nicht nur allgemeine Informationen beinhalten. Die Angaben sollten dem Abschlussadressaten vermitteln, wie eine Schätzung vorgenommen wurde. Zudem gehört bspw. eine Beschreibung, wie die Ausfall- und anderen Risiken, denen das Unternehmen ausgesetzt ist, durch die Coronakrise beeinflusst wurden, wie die Auswirkungen der Coronakrise in die ECL-Schätzungen eingeflossen sind, in welchem Umfang Unsicherheiten bestehen und wie sich die Schätzungen in Zukunft ändern könnten.

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Hans Hartmann

Hans Hartmann

Partner, Capital Markets & Accounting Advisory Services (CMAAS), PwC Austria

Tel: +43 676 833 771 816

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