Viele Organisationen strukturieren Arbeit noch entlang klassischer Kategorien: jung oder erfahren, Generation Z oder Babyboomer, Büro oder Homeoffice. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Unsere aktuelle Studie „Arbeiten im Wandel der Lebensphasen“ zeigt, dass sich Bedürfnisse weniger entlang des Alters unterscheiden als entlang konkreter Lebensrealitäten – etwa Berufseinstieg, Familienphase, Pflegeverantwortung, Neuorientierung oder späte Berufsphase. Arbeitsfähigkeit, Motivation und Bindung entstehen dort, wo Arbeit zur jeweiligen Lebensphase passt.
62,8 % der Befragten sagen, dass ihre psychische Belastung in den vergangenen zwei Jahren gestiegen ist. Bei Personen mit Pflegeverantwortung liegt dieser Wert sogar bei 83,3 %. Auch im Berufseinstieg und in Phasen der Neuorientierung berichten jeweils 69,3 % von einer höheren psychischen Belastung. Sichtbar wird damit ein klares Muster: Belastung steigt vor allem dort, wo berufliche Anforderungen, private Verantwortung und Zukunftsfragen gleichzeitig zusammenkommen.
Mindestens ebenso aufschlussreich ist die Frage, was Arbeitsfähigkeit tatsächlich stärkt. Die drei wichtigsten Hebel sind gute Zusammenarbeit im Team und zwischen Generationen (31,9 %), flexible Arbeitszeitgestaltung (31,8 %) sowie Wertschätzung und Anerkennung (25,7 %). Damit werden sogenannte weiche Faktoren zu harten Business-Faktoren. Denn Arbeitsfähigkeit entsteht nicht nur durch Strukturen und Prozesse, sondern auch durch die Qualität des sozialen und kulturellen Arbeitsumfelds.
Gleichzeitig zeigt die Studie eine relevante Förderlücke: 23,3 % der Berufstätigen geben an, dass ihre Arbeitsfähigkeit in den vergangenen zwei Jahren gar nicht gefördert wurde. Besonders ausgeprägt ist diese Wahrnehmung bei Frauen, sowie bei Beschäftigten in der späten Berufsphase. Gerade dort, wo Unterstützung für Motivation, Belastbarkeit und langfristige Beschäftigungsfähigkeit besonders wichtig wäre, kommen bestehende Angebote offenbar nicht konsequent genug an.
Arbeit ist für die Mehrheit vor allem ein Stabilitäts- und Sicherheitsanker. 58,5 % verbinden sie in erster Linie mit sicherem Einkommen. In belasteten Lebensphasen steigt diese Bedeutung nochmals deutlich – etwa bei Pflegeverantwortung auf 73,1 % und in der Neuorientierung auf 67,7 %. Das erklärt auch, warum Beschäftigte Sicherheit häufig höher priorisieren als Dynamik: 75,1 % bewerten Arbeitsplatzsicherheit höher als eine rasche KI-Einführung. Gleichzeitig wünschen sich 75,3 % lebensphasenorientierte Arbeitsmodelle statt einheitlicher Standardlösungen. Individuell ist das neue Standardmodell.
Beschäftigte erwarten keine Beliebigkeit, sondern verlässliche Individualisierung. Gefragt sind flexible, aber planbare Lösungen, die zur jeweiligen Lebenssituation passen – in Arbeitszeitmodellen, Gesundheitsangeboten, Entwicklungsperspektiven und Führung. Besonders häufig genannt werden flexible Arbeitszeitmodelle, die stärkere Berücksichtigung gesundheitlicher Bedürfnisse und Führungskräfte, die für unterschiedliche Lebensphasen sensibilisiert sind.
Auch beim Übergang in die Pension liefert die Studie einen wichtigen Perspektivwechsel. Zwar halten sich 70,0 % gesundheitlich grundsätzlich für langfristig arbeitsfähig, aber nur 43,4 % können sich vorstellen, über das gesetzliche Pensionsantrittsalter hinaus berufstätig zu bleiben. Gleichzeitig würden 75,6 % einen schrittweisen Übergang einem abrupten Ausstieg vorziehen. Das zeigt: Längere Erwerbsbeteiligung entscheidet sich nicht erst kurz vor der Pension, sondern viel früher – durch erlebte Fairness, Planbarkeit, Entlastung und attraktive Übergänge.
Die Konsequenz für Organisationen ist klar: Arbeit darf nicht länger als Einheitsmodell gedacht werden. Wer Bindung, Produktivität und Beschäftigungsfähigkeit stärken will, muss Arbeit entlang von Lebensphasen gestalten. Lebensphasengerechte Arbeit ist damit kein Zusatzthema für HR, sondern eine Führungs- und Managementaufgabe mit direkter Relevanz für Zukunftsfähigkeit, Arbeitgeberattraktivität und Leistung.
Sophie Landsteiner