Menschen durchlaufen unterschiedliche Lebensphasen und mit ihnen verändern sich auch ihre Bedürfnisse, Belastungen und Erwartungen an Arbeit. Für Unternehmen bedeutet das: Einheitliche Standardlösungen reichen nicht mehr aus. Unsere aktuelle Studie „Arbeiten im Wandel der Lebensphasen“ zeigt, dass sich die Bedürfnisse von Beschäftigten weniger an klassischen Altersgruppen orientieren als an konkreten Lebenssituationen.
Die Studie „Arbeiten im Wandel der Lebensphasen“ basiert auf einer Befragung von rund 1.100 Berufstätigen in Österreich. Sie untersucht, wie sich Bedürfnisse und Anforderungen im Berufsleben je nach Lebensphase verändern, mit Blick auf Arbeitsfähigkeit, Belastung, Entwicklung, Vereinbarkeit unterstützende Rahmenbedingungen und den Übergang in die Pension. Ziel ist das differenzierte Verständnis dafür zu schaffen, welche Bedürfnisse Beschäftigte in verschiedenen Lebensrealitäten besitzen und welche Konsequenzen sich darauf für eine zukunftsfähige Workforce und HR Strategy ableiten lassen.
Für viele Beschäftigte bleibt Arbeit vor allem ein Sicherheitsanker: 59 % nennen ein sicheres Einkommen als wichtigste Bedeutung von Arbeit. Besonders ausgeprägt ist dieses Motiv bei Personen mit Pflegeverantwortung (73 %) sowie bei Beschäftigten in beruflicher Neuorientierung (67 %). Gleichzeitig verschiebt sich die Bedeutung von Arbeit entlang der Lebensphasen: Während am Berufsbeginn persönliche Entwicklung stärker im Vordergrund steht, gewinnt in späteren Berufsphasen der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, an Relevanz.
Beschäftigte suchen nicht nach mehr Standardisierung, sondern nach verlässlicher Individualisierung. Die Grafik zeigt, wie sich die Befragten zwischen jeweils zwei Antwortoptionen positionieren. Dabei wird deutlich: Sobald Flexibilität, Technologie oder Transformation in ein Spannungsfeld mit Sicherheit treten, wird der Wunsch nach Stabilität sichtbar. Sicherheit bleibt damit ein zentraler Orientierungspunkt, auch in einer zunehmend flexiblen und dynamischen Arbeitswelt.
Arbeitsfähigkeit und nachhaltige Leistungsfähigkeit werden heute nicht mehr allein durch klassische Faktoren wie Gehalt oder strukturelle Rahmenbedingungen bestimmt. Wer Arbeitsfähigkeit langfristig stärken will, muss neben Telearbeit und Vergütung insbesondere auch die Qualität der Zusammenarbeit, gelebte Anerkennung und ein flexibles Arbeitsumfeld in den Blick nehmen.
Allerdings zeigt sich eine deutliche Förderlücke: 23 % der Berufstätigen geben an, dass ihre Arbeitsfähigkeit in den letzten zwei Jahren nicht gefördert wurde. Damit wird eine relevante Reichweiten- und Wirkungslücke sichtbar: Bestehende Maßnahmen zur Stärkung von Arbeitsfähigkeit kommen nicht bei allen Beschäftigtengruppen gleichermaßen an oder werden nicht durchgängig als wirksam wahrgenommen.
Arbeitsfähigkeit darf nicht allein über allgemeine Angebote adressiert werden. Entscheidend ist, ob Maßnahmen die relevanten Zielgruppen tatsächlich erreichen, sichtbar sind und zur jeweiligen Lebens- und Erwerbsrealität passen. Unternehmen, die diese Bedürfnisse gezielt aufgreifen, stärken nicht nur Bindung und Leistungsfähigkeit, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit am Arbeitsmarkt.
Arbeitsfähigkeit, Motivation und Bindung entstehen dort, wo Arbeit zur jeweiligen Lebensphase passt. Vor allem dann, wenn mehrere Anforderungen gleichzeitig aufeinandertreffen, etwa berufliche Entwicklung, private Verantwortung, Gesundheit, finanzielle Sicherheit oder Zukunftsentscheidungen. Genau dann brauchen Beschäftigte passende Unterstützung.
Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Generationen und Lebensphasen ist in österreichischen Unternehmen längst gelebte Realität und wird überwiegend positiv erlebt. Unsere Daten zeigen eine hohe Kooperationsbereitschaft zwischen den Generationen, ein gutes Miteinander von jüngeren und älteren Kolleg:innen sowie einen funktionierenden Wissenstransfer. 80 % der Befragten sehen in altersgemischten Teams einen Beitrag zu besseren Entscheidungen und Arbeitsergebnissen.
Herausforderungen entstehen weniger durch das Alter selbst als durch unterschiedliche Arbeitsgeschwindigkeiten, Kommunikationsstile und Arbeitsweisen. 49 % der Befragten geben an, dass unterschiedliche Arbeitsgeschwindigkeiten die Zusammenarbeit erschweren. Besonders häufig empfinden dies Millennials (59 %) und die Gen Z (55 %) als Herausforderung, während Babyboomer (38 %) seltener zustimmen.
Ein aktiver Wissens- und Erfahrungsaustausch wird besonders stark in den Lebensphasen Ausbildung (88 %), Karriereaufbau (88 %) und Berufseinstieg (86 %) wahrgenommen. In Lebensphasen mit hoher beruflicher oder privater Belastung fallen die Bewertungen dagegen niedriger aus.
Lebensphasenorientierung ist kein zusätzliches HR-Angebot, sondern ein strategischer Gestaltungsansatz. Unternehmen müssen verstehen, wann Beschäftigte Entwicklung, Entlastung, Stabilität oder Übergänge brauchen und ihre Arbeitsmodelle entsprechend ausrichten.
Die Studie zeigt deutlich: Nicht das Alter allein entscheidet darüber, was Beschäftigte brauchen, sondern ihre jeweilige Lebensphase. Arbeitsfähigkeit, Motivation und Bindung entstehen dort, wo Arbeit zur jeweiligen Lebenssituation passt. Unternehmen, die Mitarbeitende entlang ihrer konkreten Bedürfnisse unterstützen, schaffen nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern stärken auch Produktivität, Gesundheit und Arbeitgeberattraktivität.
Lebensphasenorientierung ist damit kein „Nice-to-have“, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Wer Arbeitsmodelle, Führung, Entwicklung und Gesundheitsangebote differenziert gestaltet, kann Menschen länger im Erwerbsleben halten, Wissen im Unternehmen sichern und Fachkräfte nachhaltig binden. Die Zukunft der Arbeit ist deshalb vor allem eines: lebensphasengerecht.
Sophie Landsteiner
Senior Managerin, Workforce Transformation Lead, PwC Austria
Tel: +43 676 332 76 55