Die Zukunft ist virtuell

31 Oktober, 2018

Virtual Reality hat sich in den letzten Jahrzehnten vom Science-Fiction-Hype zur Realität entwickelt. Auch wenn die Technologie noch nicht die Masse erreicht hat, hält sie zunehmend Einzug in die Unternehmen – und das über alle Abteilungen hinweg.

Ein Beispiel: Ein Team des Wall Street Journals hatte 2015 die Idee, die NASDAQ-Finanzberichte der vergangenen 21 Jahre in einer virtuellen 3D-Tour zu visualisieren. Das Projekt ist auch bekannt als „21 years of NASDAQ“. User werden in Form einer virtuellen Achterbahnfahrt durch die Börsenkurse von 1994 bis 2015 geführt. Meilensteine entlang der Zeitleiste sind durch Haltepunkte markiert. Der User bewegt sich auf einer Fahrbahn, deren Breite die Indexpreise/ die Ertragsrelation zeigt.

Um die VR-Anwendung nutzen zu können, benötigen User lediglich ein Smartphone und ein einfaches Cardboard. Die 3D-Tour macht die schwindelerregenden Höhen und Tiefen des Aktienmarktes für jeden Nutzer erlebbar und versorgt ihn mit Zusatzinformationen.

Damit veranschaulicht das Projekt des Wall Street Journals Finanzdaten auf eine ansprechende, spielerische Art. Es zählt aktuell zu den am besten entwickelten VR-Datenvisualisierungen, ist aber nur ein Beispiel für die vielfältigen Einsatzbereiche der Technologie, die oft nur mit der Unterhaltungsindustrie assoziiert wird.

Alles nur ein Hype?

Virtual Reality wird vielfach als Hype von technisch versierten Anwendern oder Hardcore-Gamern abgetan. Die Technologie hat seit der Entwicklung von Morton Heiligs Maschine „Sensorama“ und von Sutherland’s VR-Brille „Sword of Damocles“ in den 60er-Jahren aber einen weiten Weg zurückgelegt und ist zunehmend massentauglich geworden. So setzte sie in den 80er-Jahren einen Meilenstein, als Jaron Laniers VPL Research gründete. Es galt als eines der ersten Unternehmen, die VR-Hardware und -Software wie Datenhandschuhe und Headsets herstellten. Lanier gilt deshalb vielen als Gründervater der virtuellen Realität. Zum gleichen Zeitpunkt forschte auch die NASA an einem eigenen VR-Headsets, mit dem sie Raumfahrzeuge fernsteuern wollte.

Der Boom der 80er-Jahre sollte aber nicht von Dauer sein. Grund dafür war vor allem die mangelnde technologische Entwicklung: Die am Kopf angebrachten Displays verfügten über eine geringe Auflösung, verursachten Übelkeit bei Bewegung und waren viel zu schwer. Für einen effizienten Einsatz von VR musste sich die Technologie erst weiterentwickeln.

2012 legte Palmer Luckey mit den ersten technisch raffinierten VR-Modellen einen weiteren Meilenstein. Sie führten später zur Entwicklung des bekannten VR-Headsets Oculus Rift. Luckeys Unternehmen Oculus VR wurde 2014 von Facebook übernommen. Von da an fand VR-Technologie Einzug in verschiedenste Anwendungsbereiche in Industrie und Unternehmen.

Vor allem die Gaming-Industrie mit ihrer wachsenden Marktgröße (waren es 2014 noch 84 Mrd. US-Dollar, sind es 2018 bereits 137 Mrd. US-Dollar an Umsatz) trug dazu bei, dass Virtual Reality zunehmend bekannter wurde. Auch Palmer Luckey war überzeugt: Hätte VR in der Spieleindustrie Erfolg, wäre es einfacher, ihn auch auf andere Branchen auszuweiten. Google Cardboard und ähnliche Gadgets machten es außerdem bald einfacher, VR-Gaming bequem über VR-Apps und Smartphones zu nutzen.

Doch VR macht nicht bei der Spieleindustrie Halt. Das Wissen über die Vorteile dieser Technologie steigt, sodass VR-Technologien mittlerweile für Anwendungsfälle in verschiedensten Branchen und Unternehmen eingesetzt wird.

Statement Pioneers Discover: Informationstechnologie verändert so ziemlich jeden Aspekt unserer Gesellschaft. Eine Konsequenz ist das exponentielle Wachstum verfügbarer Daten. Die Visualisierung dieser Daten schlägt dabei die Brücke zwischen quantitativen Informationen und der menschlichen Intuition. Hier kommt VR ins Spiel: In 3D dargestellt, werden die unterschiedlichen Bedeutungsebenen von Daten entschlüsselt.

Scala Matta

Viele Unternehmen arbeiten an innovativen Projekten – deren Darstellung ist aber nicht immer einfach. Scala Matta hat eine Augmented Reality Anwendung entwickelt, die Informationen in Echtzeit visualisiert und animiert. User können Projekte via Tablet oder Smartphone so aus unterschiedlichen Blickwinkeln erkunden. Anwendungsbeispiele gibt es in den verschiedensten Industrien und Branchen, wie im Bereich Marketing, Training oder Entertainment. Das österreichische Start-up hat AR und VR nicht neu erfunden, aber einen Weg gefunden, diese Technologien anwendbar und für Unternehmen attraktiv zu machen.

VR kreiert maßgeschneiderte dreidimensionale Räume. Das eröffnet Unternehmen etwa im Bereich Produktion, Technik, Design oder Architektur neue Chancen. Aber auch die internen Unternehmensbereiche könnten künftig von der Technologie profitieren, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Human Resources: Schon jetzt kommt VR-Technologie bei Mitarbeitertrainings und Fortbildungen zum Einsatz, etwa wenn Mitarbeiter in einem gefährlichen Umfeld geschult werden. Mithilfe von VR können sie in einer sicheren Umgebung unter realitätsnahen Bedingungen trainieren. Zugleich verbessert die Technologie die Lernsituation, denn anstelle eines reinen Vortrags wenden Mitarbeiter das Gelernte direkt an und interagieren mit den Inhalten.
Im Recruiting können potenzielle Mitarbeiter etwa das Unternehmen besichtigen, sich im Büro frei bewegen und ihren Kollegen – in Form virtueller Avatare – vorgestellt werden. So erhalten sie Einblicke in den Arbeitsalltag und werden in ihrer Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber unterstützt.

Marketing: Sich als Unternehmen von der Konkurrenz abzuheben, ist eine kontinuierliche Herausforderung. VR kann ein innovatives, interaktives Kommunikationsmedium sein, das die Markenbekanntheit steigert. Eine interaktive Tour durch das Unternehmen oder die Vorstellung eines Produktes sind nur zwei Beispiele. Unternehmen sollten VR als offenes Kommunikationsinstrument betrachten, mit dem sie potentielle Mitarbeiter und Klienten erreichen können.

Risk Assurance: Kollegen von PwC UK ermöglichen Usern mit Hilfe von VR den Sprung in die Stadt der Zukunft im Jahr 2030. Klienten werden dabei mit Störungs-Szenarien konfrontiert, denen ihre Organisation potenziell ausgesetzt sein könnte. Unternehmen lernen auf diese Weise, Risiken besser wahrzunehmen, sind vorbereitet und können im Ernstfall entsprechend reagieren.

Steuerabteilung: Mit Virtual Reality können große Datenmengen besser dargestellt werden, User können große Datenmengen in virtuellen Räumen erkunden. Im Bereich der Wissenschaften hat sich dieser Ansatz bereits bewährt und auch in der Geschäftswelt hält er –  wenn auch zaghaft – Einzug.

Viscopic

In Europa gibt es etwa 37.000 Kundensupport-Center. Hohe Kosten, eine hohe Fluktuation und komplexe Strukturen stellen sie vor Herausforderungen. Das österreichische Start-up DeepSearch hat den DEEP.assistant entwickelt. Er verarbeitet und interpretiert gesprochene und geschriebene Sprache in Echtzeit und trifft Entscheidungen. Die Lösung arbeitet mit einem dreistufigen Prozess: Zuerst erfasst sie das Anliegen des Kunden, dann analysiert sie den Inhalt des Gesprochenen oder Geschriebenen und bewertet ihn. Schließlich stellt sie innerhalb weniger Sekunden eine Lösung bereit. Das Kundencenter spart so Kosten ein und steigert die Kundenzufriedenheit.

DeepSearch bietet eine Lösung, die sofort und industrieweit einsatzbereit ist. Geschäftsmodelle etwa von Banken und Versicherungen könnten sich dadurch von Grund auf verändern.

Wenngleich es eine Vielzahl von Anwendungsfällen gibt, zeigt die PwC-Studie Global Digital IQ Survey: Emerging technology insights von 2017, dass Unternehmen noch nicht flächendeckend in Virtual Reality investieren. Mangelndes Wissen über ihren Einsatz in Unternehmen ist ein Grund dafür. Richtungsweisend sind vor allem Unternehmen in der Automobil-, Unterhaltungs- & Medien- sowie Technologiebranche. Die übrigen Branchen halten sich trotz des zunehmenden Bewusstseins über den Wert der Technologie noch zurück.

Trotz aller Zurückhaltung zählt VR zu den „Essential Eight“ und damit zu jenen acht Technologien, die in den kommenden Jahren den gewaltigsten Einfluss auf Geschäftsmodelle und Geschäfte aller Industrien weltweit haben. Um am Puls der Zeit zu bleiben, sollten Unternehmen daher früh genug überlegen, ob und wie sie VR für sich nutzen könnten. Wir haben die Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz der Technologie zusammengefasst.

Erwartungsprüfung: Entscheidungsträger sollten sich fragen, was sie sich von den geplanten Investitionen in VR versprechen: Soll ein Produkt beworben, sollen neue Kunden akquiriert werden oder will man sich vom Mitbewerb differenzieren? Die Erwartungen an die Technologie müssen von Beginn an klar definiert sein, um den größtmöglichen Nutzen aus ihrem Einsatz zu ziehen.

Investitionen in Personal: Die Digital IQ Survey von PwC zeigt: Es mangelt an Personal, das die richtigen Kompetenzen mitbringt, um das Potenzial neuer Technologien wie VR auszuschöpfen. Die Beschäftigung von VR-Experten steht bei vielen Unternehmen verständlicherweise nicht unbedingt an erster Stelle. Langfristig lohnt es sich aber, in diesen Bereich zu investieren und eigenes Personal zu schulen sowie neue Talente einzustellen. Dabei macht die Anschaffung eines VR-Geräts kein Unternehmen über Nacht zum Digital Leader. VR spielt sich in einem kreativen, virtuellen Raum ab. Der Einsatz der Technologie ist daher nur so gut wie die Gedanken, die sie befeuern.

Teilen und Zusammenarbeiten: Es gibt kaum frei zugängliches Wissen zu VR-relevanten Themen. Der Austausch zu Pilotprojekten und VR-Entwicklungen ist daher umso wichtiger, genauso wie das praktische Ausprobieren und Lernen aus Fehlern. Unternehmen sollten den unternehmensübergreifenden Austausch zwischen VR-Experten fördern und Kooperationen, wie beispielsweise mit auf VR spezialisierten Start-ups, ins Auge fassen.

Nur Geduld: 2018 ist das Jahr von VR! Jahr für Jahr wiederholt sich diese Schlagzeile. Gartner’s Hype Cycle zeigt aber, dass Technologien nicht innerhalb von einem oder zwei Jahren massenkompatibel werden und ihr Ausreifungsprozess keinem gleichmäßig ansteigenden Kurvendiagramm gleicht. Für VR zeigt der Hype Cycle for Emerging Technologies 2017, dass die Technologie das „Tal der Enttäuschungen“ bereits hinter sich gelassen hat. Aktuell befindet sie sich auf dem „Pfad der Erleuchtung“, in den nächsten zwei bis fünf Jahren soll sie zum „Plateau der Produktivität“ übergehen. Anders als noch in den 90er-Jahren ist jedenfalls nicht zu erwarten, dass VR erneut von der Bildfläche verschwindet.

VR im Selbstversuch: Keine Power-Point-Präsentation wird das eigene Team oder die Geschäftsleitung für VR gewinnen. Nur mit Demos und Showcases lässt sich ein echtes Verständnis für die Technologie entwickeln. Um alle Vorteile von VR zu begreifen, muss man daher auch bereit sein, sich auf ein virtuelles Experiment einzulassen.

Die VR-Experten bei PwC stellen interessierten Klienten die Möglichkeiten und Herausforderungen dieser Technologie sowie Anwendungsbeispiele vor. Aber nicht nur Virtual Reality, auch verwandte Technologien wie Augmented Reality (AR) und Mixed Reality (MR) können je nach Anwendungsfall vielversprechend sein.

Nekonata

Großunternehmen verwenden im Schnitt bis zu 1.300 Anwendungen, wobei ihre Daten auf hunderte Applikationen verteilt sind. Datenintegration ist demnach schwierig und oft nur mit großen Budgets und langer Entwicklungszeit möglich. Das US-amerikanische Start-up Stamplay will das ändern. Seine intelligente Automatisierungsplattform verbindet Anwendungen, Datenbanken oder Dienste innerhalb weniger Tage und unabhängig davon, ob die Daten in der Cloud oder hinter einer sicheren Firewall gespeichert sind. Stamplays Mission ist es, Prozessautomatisierung über alle Geschäftsbereich in jede Organisation zu bringen – ganz ohne Programmierkenntnisse der Anwender. Seit 2015 arbeitet ein siebenköpfiges Team, das sich in der Growth Stage befindet, an der Weiterentwicklung der Automatisierungsplattform.

Immer mehr Unternehmen starten RPA-Projekte, um Prozesse schnell und einfach zu automatisieren und so Effizienzpotenziale zu heben. Laut PwC’s Digital IQ Survey investieren bereits 15 Prozent der befragten Unternehmen in Robotics. Diese Zahl könnte sich in den nächsten drei Jahren verdoppeln.

Noch spielen die Bots nur das ab, wozu sie programmiert wurden. Mit der Weiterentwicklung der Technologie und der Kombination von Bots mit Künstlicher Intelligenz und Machine Learning etwa durch innovative Start-ups, könnten die virtuellen Helfer künftig aber zunehmend komplexere Aufgaben übernehmen.

 

Virtuelle Realität ist eine aufstrebende Technologie. Sie lässt Nutzer in virtuelle Welten eintauchen und Erfahrungen sammeln, die in der realen Welt so nicht möglich wären. Auch wenn die Technologie die ersten zaghaften Schritte bereits in den 60er-Jahren setzte, hat die Entwicklung von Oculus Rift dieser vielversprechenden Technologie 2012 neues Leben eingehaucht.

Im Bereich Gaming und Unterhaltung stößt VR bereits auf Akzeptanz. Andere Branchen beginnen erst damit, ihren Einsatz etwa in den Bereichen Ausbildung und Training, Technik, Design und Produktion, im Einzelhandel, Journalismus, oder im Bereich Gesundheit zu ergründen. Auch PwC arbeitet an neuen Anwendungsbeispielen von VR, etwa im Bereich Marketing, im Recruiting und Training, im Bereich Risk Assurance oder Tax Technology. Ein weiterer interessanter Ansatz ergibt sich im Bereich der Datenwissenschaften, genauer in der Datenanalyse. Hier bereitet VR Daten in einem virtuellen, dreidimensionalen Raum visuell auf und macht sie so erlebbar.

Damit VR in zunehmend mehr Branchen und Unternehmensbereichen Einzug findet, muss sich unsere geistige Haltung und Einstellung der Agilität dieser Technologie anpassen. Wenn Unternehmen den neuen digitalen Möglichkeiten gegenüber aufgeschlossen und bereit sind, sie anhand einzelner Anwendungsfälle für sich zu testen, kann sich die Technologie langfristig weiterentwickeln und ihr volles Potenzial entfalten.

 

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Kontakt

Gerald Dipplinger
Partner, Digital Leader, PwC Austria
Tel: +43 1 501 88-3648
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Gersa Tome
Virtual Reality, PwC Austria
Tel: +43 1 501 88-3669
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