Being digital in der Steuerabteilung

Gerald Dipplinger Partner, Digital, PwC Austria

Die technologischen Möglichkeiten, Steuern zu erheben und zu kontrollieren, haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Softwarelösungen, die steuerrelevante Prozesse unterstützen, stellen dabei nur einen kleinen Ausschnitt der eingesetzten Technologien dar. Täglich entstehen neue Produkte und Dienstleistungen, die bestehende Probleme und technologische Möglichkeiten auf neuartige Weise verknüpfen.

Ein einfaches Beispiel: Ein Konzern muss am Ende jedes Jahres für alle seine 150 Gesellschaften ein PDF-Formular mit einfachen Angaben abgeben. Anstatt in der zentralen Steuerabteilung einen Mitarbeiter damit zu beauftragen, das Formular 150 Mal auszufüllen, könnte ein Bot diese Aufgabe schnell und tippfehlerfrei erledigen.
Das richtige Mindset

Damit solche neuen Lösungen entstehen, brauchen Unternehmen das richtige Mindset – sie brauchen Köpfe, die digital denken. Digital hat in diesem Zusammenhang aber nichts mit Technologie als solcher zu tun. Viel eher bedeutet es, an den Nutzer zu denken, agil zu handeln, den größtmöglichen, sinnvollen Automatisierungsgrad anzustreben und bereit zu sein, kontinuierliche Verbesserungen vorzunehmen. „Being digital“ bedeutet im Kern also, kreative Lösungen für Probleme zu finden – mit oder ohne Technologie. Auch in der Steuer, die lange mit einem verstaubten Image zu kämpfen hatte, macht sich zunehmend ein digitales Mindset breit. Dafür sorgt unter anderem die neue Generation der Digital Natives.


Finanzamt 2.0: Big Data, Roboter und Blockchain?

Eine Studie von PwC aus dem Jahr 2016 hat acht essentielle Technologien identifiziert. Bei dreien – Artifical Intelligence, Robots und Blockchain – lässt sich enormes Einsatzpotenzial auch in Bezug auf Steuerprozesse erkennen.


1. Künstliche Intelligenz im Einsatz

Finanzverwaltungen verfügen über immer reichhaltigere Datenquellen und greifen zunehmend auf fortgeschrittene Analysemethoden zurück. Auch wenn die Suche nach statistischen Ausreißern an sich ein alter Hut ist, gewinnt diese Methode mit dem neuen Datenreichtum – etwa durch Registrierkassen, elektronische Rechnungen oder Simultanprüfungen – und durch innovative Analyseverfahren wie zum Beispiel Machine Learning eine ganz neue Qualität. 

Beispiel: Die australische Steuerverwaltung analysiert bei Eingabe der Steuererklärung in Echtzeit Höhe und Art der Werbungskosten. Scheint die Eingabe unrealistisch, gibt sie Feedback, noch bevor die Erklärung überhaupt eingereicht wurde. Die Höhe der Werbungskosten bei als risikoreich eingestuften Steuererklärungen ist seitdem drastisch gesunken. 

2. Steuerroboter auf dem Vormarsch

Auch die Softwareroboter haben die Finanzbehörden erreicht. An der Oberfläche helfen freundliche Tax-Chatbots Nutzern dabei, sich im Paragraphen- und Erklärungsdschungel zurecht zu finden. Im Hintergrund treffen Maschinen schrittweise Entscheidungen. Sie stufen Risiken ein, lehnen Anträge ab oder genehmigen sie und entscheiden über Prüfungshandlungen. 

Beispiel: Die finnische Steuerbehörde identifizierte in einer Studie über hundert Prozesse, die Roboter übernehmen könnten, 38 wurden für ein Pilotprojekt ausgewählt. Zusammen genommen haben sie das Potenzial, 52 Mannjahre an Arbeitsleistung einzusparen. Vor allem aber könnte die Steuerbehörde durch die damit frei werdende Kapazität und die Verwendung zusätzlicher Datenquellen die Prüfungsqualität signifikant steigern.

3. Blockchain: Schubs zur Steuerehrlichkeit

Oft braucht es nur einen kleinen Schubs, um Bevölkerung und Unternehmen zur Steuerehrlichkeit anzuhalten – man spricht vom Konzept des „Nudging“. Staaten haben das erkannt und experimentieren zunehmend mit sogenannten „Compliance and Trust Enhancing Technologies“, also Technologien, die das steuerehrliche Verhalten fördern. Wer verhält sich schon steuerunehrlich, wenn er sich beobachtet fühlt und ihm die Steuerehrlichkeit absichtlich leicht gemacht wird?

Eine Technologie, von der man sich in diesem Zusammenhang besonders viel verspricht, ist die Blockchain. Sie ermöglicht es, Transaktionen fälschungssicher, transparent und für jeden nachvollziehbar abzuwickeln. Laut einem Bericht der OECD experimentieren bereits viele Steuerverwaltungen mit Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain. Aber auch abseits der Blockchain sind schon jetzt Technologien im Einsatz, die Transparenz und Steuerehrlichkeit fördern. Dazu gehören etwa die Einführung von Registrierkassen oder aber Zusatzleistungen der Finanzverwaltung wie der automatische Spendenabzug. Großbritannien und Dänemark arbeiten an Lösungen, die Buchhaltung und Finanzverwaltung eng vernetzen. Ziel ist es, dass eine jährliche Steuererklärung überflüssig wird.


Digitalisierung der Steuerabteilung

Die digitale Transformation beruht nicht allein auf der Einführung von Technologie – und sie erfolgt schrittweise, manchmal in ganz kleinen Schritten. Um von neuen Technologien zu profitieren, sollten die steuerrelevanten Abläufe im Unternehmen und die betroffenen Mitarbeiter erst auf die Digitalisierung vorbereitet werden. Am Anfang sollten sich Steuerabteilungen den zeitraubenden, wiederkehrenden Kontrolltätigkeiten widmen. Sie können zum Großteil von technologischen Lösungen übernommen werden. Die so eingesparte Zeit können Steuerabteilungen für qualitativ hochwertige Tätigkeiten verwenden und die übrigen Prozesse Schritt für Schritt kontinuierlich verbessern.


Der wichtigste Faktor: der Mensch

Die digitale Transformation ist kein purer Tech-Change, sie ist ein Mindset-Change. Ohne die richtigen Köpfe mit den passenden Einstellungen und Fähigkeiten wird jedes Digitalisierungsprojekt scheitern. Die Digitalisierung der Steuerabteilung beginnt also nicht beim Kauf einer neuen Software oder der Einführung von neuen technologischen Lösungen. Sie beginnt beim Menschen – und seiner Bereitschaft, „digital“ zu sein.

Kontakt

Gerald Dipplinger

Partner, PwC Austria

Tel: +43 1 501 88-3648

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